Weihnachten in Schweden

Weihnachten in Schweden

Ein Beitrag von Regine Glaß von „Aus Versehen Schweden

Juldopp, Glögg und ein musikalisches Mosaik- Ideen aus Schweden für ein gemeinsames Weihnachten trotz Pandemie

Bengtsfors in Dalsland, Schweden am 24. Dezember 2020

Es sind – 7 Grad. Noch spürte ich das Wasser an meinen Füßen nicht einmal, denn zum Badeanzug trug ich Neoprensocken. Doch ein Teil des Sees ist bereits gefroren. Wir halten Abstand, selbst beim Umziehen, denn die Covid-19-Pandemie hatte in diesem Winter 2020 bereits ihren (bis dato) Höhepunkt erreicht. Doch diese Tradition am Tag des Heiligabends, der „Juldopp“, lässt sich trotzdem auch sozial distanziert gut ausführen. 

„Juldopp“ ist eines dieser schwedischen Wörter, die ich einfach liebe. Es lässt sich wohl am ehesten noch mit „Weihnachtstauchen“ übersetzen. Trotz skandinavischer Temperaturen ist es am Weihnachts- und Neujahrstag in Schweden üblich, sich im tiefsten Winter in einen See oder ins Meer zu schmeißen.

Das war das erste Mal, das wir diese Tradition durchführen, in diesem etwas anderen Jahr, in dem wir Weihnachten ausschließlich draußen, im See und vor dem Lagerfeuer verbrachten. Doch ich feiere Weihnachten bereits seit sechs Jahren regelmäßig in Schweden und weiß deshalb, wie es normalerweise bei vielen Familien im ländlichen Schweden abläuft.

Fika mit Disney und Weihnachtsessen als Buffet

Am Nachmittag, wenn die ersten Gäste zum Fika, dem Kaffee trinken, kommen, werden Safranschnecken, Pepperkakor (Pfefferkuchen) und Kola (Toffee) gereicht. Safran kennt man in Deutschland eher als Gewürz für scharfe Curries, in Schweden bildet es zusammen mit Kardamom allerdings oft genau die Gewürzgrundlage für sehr viele unterschiedliche, süße Gebäcksorten. Kola hat nichts mit dem berühmten Erfrischungsgetränk zu tun, sondern ist vielmehr ein hartes Toffee mit Karamelgeschmack, das an den Zähnen klebt. Getrunken wird Kaffee und Glögg. Glögg ist zwar in der Funktion mit dem deutschen Glühwein zu vergleichen, geschmacklich jedoch etwas völlig anderes. Er wird auf der Basis von Malzbier gebraut und sollte etwa vier bis acht Wochen vorher eingelegt werden.

Um 15 Uhr ist es Zeit für Kalle Anka. Wer ist das denn? Donald Duck klingt vielleicht bekannter? Während im deutschsprachigen Raum der englische Name für die berühmte Ente verwendet wird, hat man in Schweden einen eigenen Namen für den quakenden Zeichentrick-Cartoon. Was im öffentlichen, schwedischen Fernsehen an Heiligabend kommt, und umgangssprachlich „Kalle Anka“ genannt wird, ist auch nicht nur Donald Duck, sondern eine Stunde voller Trailer von Disney-Klassikern, zunächst jedes Jahr die Gleichen, doch am Ende kommen immer noch ein paar aktuelle dazu. Was mir immer noch etwas merkwürdig vorkommt, wird von meinen schwedischen Angehörigen ziemlich gebannt verfolgt. Die Tradition stammt aus einer Zeit, in der es im schwedischen Fernsehen nur ein Programm gab und die Disneytrailer einen kosmopolitischen Hauch in die ländlichen, schwedischen Wohnzimmer wehte. Und weil man im Alltagsleben in Schweden so gern progressiv ist, liebt man zu Festen seine Traditionen.

Essen und Trinken

Foto: Andreas Granath

Glögg

Mit dem deutschen Glühwein eint das Getränk nur, dass man ihn warm und zu Weihnachten trinkt. Geschmack und Zubereitungsweise des skandinavischen, alkoholischen Heißgetränks unterscheiden sich stark. 

Kaum ist der Kälteschock verdaut, hat der Kaffee zusammen mit den Safranschnecken den Körper aufgewärmt, bringen viele Familien traditionelle Weihnachtslieder gemeinsam dar. 

Und dann wird das traditionelle Weihnachtsbuffet, das Julbord, serviert.

Dieses wird bereits in der Nacht vom 23. Zum 24. Dezember vorbereitet, dem so genannten „dan före dan före dopparedan“ ( „dem Tag vor dem Dipptag“). 

Ein Weihnachtsbuffet besteht traditionell aus Köttbullarn (Fleischbällchen), die den meisten Deutschen von einem großen, schwedischen Möbelhaus bekannt sein dürften. Dazu gibt es „Janssons Frestelse“ (Jannsons Verführung), ein Gratin, das traditionell aus Anchovis, Zwiebel, Sahne und Kartoffeln besteht, Hering in verschiedenen Varianten, Kaviarcreme und gekochte Eier und nicht fehlen darf natürlich:

Der Weihnachtsschinken.

Es ist ein großes Stück Fleisch, an dem sich Menschen verschiedene Scheiben mit einem großen Messer abschneiden. In den entstehenden Fleischsaft kann man Brot tauchen, daher kommt auch der Name „Dipptag“. Dazu gibt es oft schwedisches Leichtbier zu trinken und je nach Geschmack der Weihnachtsgesellschaft auch noch etwas Wein. Saufgelage, wie ich sie teilweise aus Deutschland zum „heiligen Fest“ kenne, habe ich in Schweden dagegen noch nicht erlebt. Das liegt möglichweise daran, dass man Alkohol in Schweden nur im „Systembolaget“, dem staatlichen Laden mit eingeschränkten Öffnungszeiten, erwerben kann.

Im Einklang mit der Natur leben

Ein ganz lokaler Brauch, den man nur in der Region Dalsland, in der ich in Schweden die Weihnachtszeit verbringe, kennt, hat jedoch doch mit Alkohol zu tun. Bevor das Fest anfängt, wird eine aus Stroh geflochtene Krone auf einen Weihnachtsbaum im Garten gesetzt. Dabei halten alle einen Schnaps in der Hand, das schwedische Prosit „Skål“ ertönt und das Weihnachtsfest ist eröffnet. Das Stroh wird in den nächsten Tagen von den Rehen gegessen und ist eine Tradition, die einleiten soll, den Winter in Einklang mit der Natur zu verbringen. Es wird den Tieren danke dafür gesagt, dass man mit ihnen in Gemeinschaft wohnen kann und stammt noch aus heidnischen Zeiten.

In ganz Skandinavien verbreitet, und auch in Deutschland bekannt ist dagegen das Lichterfest Lucia, das am 13. Dezember gefeiert wird. Lucia war eine christliche Heilige, doch das Lucia-Fest stammt noch aus der heidnischen Vergangenheit Schwedens und wird mit Sonnenwendfeierlichkeiten in Verbindung gebracht. Für lokale Lucia-Traditionen wird jedes Jahr ein junges Mädchen zur Lucia gewählt und führt mit einem Kerzenkranz auf dem Kopf eine weißgekleidete Prozession an. 

Sogar im letzten Jahr, als wegen Corona Lucia nur per Livestream aus dem Norden in das ganze Land im Fernsehen übertragen wurde, brachte es eine feierliche Stimmung in unser Corona-Home-Office.

Einen Weihnachtsbaum hatten wir tatsächlich auch. Dieser wurde erst direkt am 24. Dezember aufgestellt, sowie sich die meisten Aktivitäten auf diesen Tag konzentrieren. Er bleibt dann bis zum 13. Januar – Knut, das Fest an dem die Bäume tatsächlich aus den Stockwerken ins Erdgeschoss geknallt werden, wie in der Werbung. 

Dann ist die Weihnachtszeit auch in Schweden offiziell vorbei – also auch eine Woche später als in Deutschland. Ob das mit den längeren Wintern zu tun hat? Diese bringen mich jedenfalls regelmäßig zum Verzweifeln.

Was mir aber neben all den Traditionen auch gut durch die kalte und dunkle Jahreszeit hilft, ist, dass den ganzen Dezember über auf manchen Radio-Sendern nur schwedische Weihnachtsmusik gespielt wird. Und auch, was das soziale Miteinander in Zeiten von Corona betrifft, sind die Menschen durchaus erfinderisch. Der Göteborger Indiechor hat mich mit richtig viel Lokalstolz erfüllt, als alle getrennt voneinander, und doch gemeinsam ein Weihnachtslied aufgenommen haben. Damit kannst du dir etwas schwedisches Weihnachtsfeeling nach Hause holen. Klick dafür auf das Bild.

Göteborger Chor Weihnachten 2020

Aus Versehen Schweden

Aus Versehen Schweden“ ist mein journalistischer Newsletter zu Politik, Gesellschaft, Kultur und Feminismus in Schweden. Dem Land, in dem ich seit 2020 wohne und mit dem ich mich seit 2013 eine unverhoffte Hassliebe verbindet. Der Newsletter dient dazu, sich abseits von Skandinavien.Kitsch tiefergehend zu Schweden und seinen Nachbarländern zu informieren und Einblicke in das Leben als Kreative im Ausland zu erhalten. Gegründet habe ich, Regine Glass, ihn im Juni 2021 und veröffentliche dort persönliche Essays, Interviews und Reportagen. Wenn ich nicht dort schreibe, dann für deutsch-, englisch- und schwedischsprachige Medien.

Regine Glass von Aus Versehen Schweden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.