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4-Tage-Woche Work Life Balance

Die 4-Tage-Woche – Mehr Produktivität dank weniger Zeit?

Mit weniger Zeit mehr schaffen – Das soll funktionieren? Vor allem dann, wenn ohnehin jede Menge Überstunden geleistet werden, ist die Vorstellung weniger zu arbeiten sicherlich reizvoll, aber klingt unmöglich und vor allem nach einem: Stress! Wie soll denn alles in noch weniger Zeit passen? Genau das soll aber funktionieren und die 4-Tage-Woche damit produktiver machen und die Mitarbeitenden motivierter stimmen.

Ein klassischer Arbeitstag dauert 8 Stunden, eine Arbeitswoche 40. Und wer Karriere machen und als besonders engagiert gelten will, arbeitet noch mehr. Ich selbst habe es erlebt, dass Kolleg: innen, die früher als alle anderen ins Büro kamen ein schlechtes Gewissen hatten, wenn sie eben vor den anderen nach Hause gingen. Und das, obwohl ihr 8-Stunden-Tag bereits vorbei war. Viel zu oft gelten nicht diejenigen als wichtig und engagiert die Ergebnisse oder Ideen liefern, sondern eben diejenigen, die viel arbeiten und am längsten im Bürostuhl sitzen. Vielleicht ist das auch dieses deutsche Festhalten an vorhandenen Strukturen. Immerhin war es noch vor der Pandemie ein Unding für viele Chefs ihre Mitarbeitenden ins Homeoffice zu entlassen. Schon schräg irgendwie – Es ist 2022!!!

Ist das alte Vollzeit-Modell also nur ein Märchen?

Heute ist längst bewiesen, dass es schlicht unmöglich ist, acht Stunden pro Tag produktiv zu sein. Der Acht-Stunden-Arbeitstag ist ein Märchen. Man hat glasklare Zusammenhänge festgestellt, dass mit zunehmender Länge der täglichen Arbeitszeit die Produktivität und die Qualität der Arbeitsergebnisse abnehmen. Von der Motivation brauchen wir wohl nicht zu sprechen.

Dem zugrunde liegen verschiedene Studien, die sich damit auseinandersetzen, wieviel Stunden pro Tag oder auch eben pro Woche sinnvoll sind. Ab wann schwindet also die Motivation und auch eben die Produktivität?

Für eine Studie in Großbritannien fragte Vouchercloud.com 1.989 britische Büroangestellte im Alter von über 18 Jahren welche Tätigkeiten sie an einem Arbeitstag durchführen und wie lange sie tatsächlich produktiv ihren eigentlichen Aufgaben und To Do´s nachgehen würden. Die Ergebnisse sind für mich ziemlich überraschend: Durchschnittlich sind sie lediglich 2 Stunden und 53 Minuten am Tag wirklich produktiv. Womit aber wird der Rest der acht Stunden verbracht? Hier eine Auflistung der angegebenen und ausgewerteten Tätigkeiten:

  1. Überprüfung der sozialen Medien – 44 Minuten 
  2. Lesen von Nachrichten-Websites – 1 Stunde 5 Minuten
  3. Besprechung von privaten Aktivitäten mit Kollegen – 40 Minuten
  4. Zubereitung heißer Getränke – 17 Minuten
  5. Raucherpausen – 23 Minuten
  6. Text/Instant Messaging – 14 Minuten
  7. Snacks essen – 8 Minuten
  8. Essen im Büro zubereiten – 7 Minuten
  9. Anrufe an Partner/Freunde tätigen – 18 Minuten
  10. Suche nach neuen Jobs – 26 Minuten

So, jetzt mal Butter bei die Fische: Wie wäre deine Verteilung in diesem Ranking? Besonders der letzte Punkt überrascht und bringt mich doch zum Schmunzeln. Aber genau der stand ehrlich gesagt auch immer mal wieder auf meinem Tagesplan.

Fakt ist: Kein Mensch kann acht oder mehr Stunden pro Tag wirklich produktiv arbeiten. Moderne Arbeitsgeräte und Digitalisierung hin oder her: spätestens nach etwa sechs Stunden ist Schluss mit der Konzentration. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit, noch etwas Sinnvolles zustande zu bringen. Bekannt ist auch, dass kürzere tägliche Arbeitszeiten deutlich positive Effekte auf die Mitarbeitermotivation und den Krankenstand haben.

Erkenntnisse werden meist nicht beachtet

Blicken wir auf die tatsächliche Realität, werden diesen Erkenntnissen wenig bis keine Beachtung geschenkt. Karriere machen heißt Überstunden machen. Beende doch deinen Arbeitstag einfach mal ein paar Stunden früher mit der Begründung, dass du heute sehr produktiv warst und deine Aufgaben erledigt sind. Was passiert dann? Zum einen werden „Minusstunden“ angerechnet, die zu einer anderen Zeit ausgeglichen werden müssen und zum anderen denkt der Chef sicherlich schon darüber nach, ob dein Aufgabengebiet nicht einfach zu klein ist. Immerhin könntest du anscheinend noch einiges mehr machen.

Das ist ganz bestimmt und hoffentlich nicht überall der Fall. Aber in vielen, vor allem sehr großen und alteingesessenen Unternehmen, entspricht dies mit Sicherheit der Realität!

Ein Finnischer Vorstoß wurde zu weltweiten Fake-News

Dass für viele die Idee einer verkürzten Arbeitszeit immer noch unglaublich neuartig und spannend ist, konnte man 2020 sehen. Denn da machte eine Aussage von Sanna Marin, der Premierministerin von Finnland, die Runde – und zwar weltweit. Fake-News ahead!

„Finnland führt unter der jüngsten Premierministerin der Welt, Sanna Marin, eine Vier-Tage-Arbeitswoche und den Sechs-Stunden-Arbeitstag ein“, vermeldete die britische Zeitung „The Sun“. Auch die „Daily Mail“ sowie weitere Medien in verschiedenen Staaten berichteten über die vermeintlichen Regierungspläne.

Doch in dem Regierungsprogramm gibt es diesen Plan gar nicht. Das stellte die finnische Regierung klar – und zeigte sich überrascht von den weltweiten Schlagzeilen. Tatsächlich habe die Regierungschefin die Idee für eine 4-Tage-Woche in ihrer Funktion als Verkehrsministerin lediglich kurz erwähnt – und zwar bereits im August 2019.

Daraus wurde eine weltweite Nachricht und alle blickten erstaunt und vielleicht sogar etwas verwundert auf das kleine Land im Norden Europas, dem man es durchaus zugetraut hätte. Aber leider, leider waren es eben nur Fake-News. Aber wer weiß, was uns im Laufe der nächsten Jahre noch so erwartet…

Island als Teststation und Belgien als Vorreiter

Mittlerweile hat sich aber Belgien auf den Weg zu neuen Ufern gemacht und die 4-Tage-Woche eingeführt. Im Februar einigte sich die belgische Regierung auf eine Arbeitsmarktreform, die die 4-Tage-Woche als Modell beinhalten soll. Damit sollen Angestellte in Belgien ihre Arbeit künftig flexibel an vier statt fünf Tagen ausüben können. 

Als Pionierprojekt gilt wohl ein fünfjähriges Feldexperiment in Island aus dem Jahr 2015, bei dem etwa 2.500 Erwerbstätige, circa ein Prozent der berufstätigen Bevölkerung, ihre Arbeitszeit von 40 auf 36 oder 35 Stunden reduzierten – bei gleichem Gehalt. Jetzt müssen die vielversprechenden Ergebnisse nur in die Tat umgesetzt werden.

Unternehmen gehen in die richtige Richtung

Viele Unternehmen (und zwar nicht nur junge Start-Ups) haben aber die Möglichkeiten und positiven Effekte von weniger Arbeitszeit erkannt und setzen bereits entsprechende Modelle und Konzepte um. 

All das ist super und eine unglaublich positive Entwicklung hin zu mehr Work-Life-Balance und genügend Zeit für mehr Gesundheit und Entspannung. Allerdings sehe ich ein ganz großes Problem.

Denn das Modell der weniger Arbeitsstunden ist vielleicht umsetzbar, aber eben nicht überall und für jeden. Und dabei meine ich nicht die alten Herren in ihren schicken Büros, die an alten Standards festhalten, sondern an Branchen wie die Pflege, Supermärkte, allgemein Dienstleistungen, Lehrkräfte, etc.

Teilt die 4-Tage-Woche die Gesellschaft in zwei Gruppen?

Hier teilt sich die Gesellschaft wieder in zwei Bereiche. Meine Gedanken dazu habe ich vor einiger Zeit auch schon im Beitrag „Work-Life-Balance heute“ geschrieben. Denn wir haben auf der einen Seite die Büroarbeitsplätze oder vielleicht noch die Produktion, die – ich sag es jetzt mal plump und überspitzt – Aufgaben abarbeiten. Auf der anderen Seite sind all diejenigen, die eben körperlich anwesend sein müssen, weil z. B. wir andere davon abhängig sind. Vom Supermarkt über den gesamten Bereich der Pflege und der Kinderbetreuung bis hin zu Logistikunternehmen.

Hier prallen unterschiedliche Zeit-Arbeits-Produktions-Modelle aufeinander.

Startet jetzt also ein Teil der Gesellschaft in eine Woche mit mehr Freizeit und einem gesünderen, ausgeglicheneren Leben, muss die andere Hälfte weiterhin anwesend und vor Ort sein. Denn ein Herunterschrauben der Arbeitszeit würde in diesen Berufsfeldern eine erhebliche Kostenfrage für die Unternehmen bedeuten. Und selbst wenn das Geld vorhanden wäre, kommt vor allem im Pflegebereich der Fachkräftemangel in die Quere. 

Eine Senkung der Wochenstunden bei gleichem Gehalt in einer Supermarktfiliale z.B. wird wohl eher nach hinten losgehen. Kassen bleiben unbesetzt, Regale leer und die Mitarbeiter sind am Ende gestresst und motivationslos. Daher ist genau dann, wenn eben die physische Präsenz und damit die Wichtigkeit der Mitarbeitenden so hoch ist, wie in ziemlich allen Bereichen der direkten Dienstleistung, die Führungsetage gefragt.

Mehr Gerechtigkeit in Anerkennung und auch Lohnstruktur

Die Arbeit und die Leistung MUSS gewürdigt werden. Auf der einen Seite sicherlich finanziell. Denn die wirklich wichtigen Berufe wie eben im Pflegebereich oder z. B unsere Erzieher: innen sollten für die Leistungen auch entsprechend entlohnt werden. 

Auf der anderen Seite gibt es aber auch andere Möglichkeiten der Anerkennung und Danksagung. Und damit meine ich nicht den nächsten Bonus, um die Teams bei Laune zu halten. Es geht eher um unterstützende Mittel wie die z. B. die Einführung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements, bei dem gesundheitsfördernde Maßnahmen angeboten und zur Verfügung gestellt werden. Oder wie wäre es mit dem ein oder anderen freien Zusatztag, Gutscheine zum Urlaubsbeginn oder zumindest die Erleichterung der Aufgaben mit angemessenen Arbeitsmaterialien. Leider fehlt all das in vielen so unglaublich wichtigen Jobs. Und da motiviert ganz sicher am Ende auch nicht ein gemeinsames Klatschkonzert!

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